The Art of Emergency (Oktober 2022 - März 2023)

Thealit bietet 5 vierwöchige Residencies für Künstlerinnen oder Gruppen im Arbeitszimmer an, dazwischen ist Raum für ein-zweitägige Projekte und Präsentationen, die Intermissions


Das Auftauchen (to emerge) längst vergessener Artefakte ist neben Fischsterben und Waldbränden eine der wohl offensichtlichsten Folgen der durch den Klimawandel hervorgerufenen Dürre. Was zuvor noch ungesehen am Grund von Flüssen oder Seen verborgen war, taucht wieder auf.

Ariane Litmeyer schreibt: „In den vergangenen Monaten sind in Texas z.B. 113 Millionen Jahre alte Dinosaurierspuren wieder aufgetaucht, die durch die extremen Wetterbedingungen in einem ausgetrockneten Flussbett wieder zu Tage getreten sind. Damals war es – nach heutigem Stand – ein Asteroid und seine verheerenden Folgen, der das Leben der Dinosaurier nach 150 Millionen Jahren beendete. Auch sogenannte Hungersteine, die eigentlich im Flussbett oder auf Gewässergründen verborgen sind, treten vielerorts zu Tage. Diese Steine werden seit mehreren hunderten Jahren abgelegt, um die Pegelstände des Wassers zu markieren – oftmals sind diese mit einer Jahreszahl oder auch mit Inschriften der Warnung versehen: Emergency. Die Niedrigwassergravuren sind Geschichtsträger, Mahner, Unheilsverkünder, vielerorts schlechtes Omen. Was den Hungersteinen und den Dinosaurierknochen gemein ist, ist dass sie Zeugnisse historischer Katastrophen sind und Teil einer meteorologischen Chronik – und das ziemlich offensichtlich. Doch was machen wir mit dem Wissen über diese Funde? Wir leben in einer Illusion von Kontinuität und Verläßlichkeit, selbst wenn wissenschaftliche Prognosen und gesellschaftliche Entwicklungen ein deutlich anderes Bild zeichnen.

‚Klima, Krise, Archäologie’ lautete der Titel einer Tagung des Deutschen Archäologischen Instituts in diesem Jahr. Diese Anordnung, die die Kriege und gesellschaftlichen Umbrüche unserer Zeit noch außen vorlässt, zeigt, dass Emergency in der Anordnung versumpft. Krisen sind Alltäglichkeit. Durch Ablenkung, Ohnmacht, Verdrängung und die Gewohnheit des Notfalls/des Ausnahmezustands bemerken wir die schleichende Apokalypse kaum, da sie uns im Alltag nicht tangiert – sind es doch eben nicht vier Reiter die ein Eintagewerk verrichten, sondern ein Untergang der sich über Jahrzehnte anpirscht.”


gespannt, was auftauchen wird…

Ariane Litmeyer wurde 1988 in Jever geboren und studierte Design und Kunst an der Hochschule für Künste Bremen. 2021 absolvierte sie ihr Meisterschülerinnenstudium bei Andree Korpys und Markus Löffler. Ihre Arbeiten sind konzeptuell, interdisziplinär und multimedial, wobei die jeweilige Thematik eines Werks die künstlerische Umsetzung bestimmt. Politisch-gesellschaftliche Themen wie die Auswirkung von etablierten Machtstrukturen auf gesellschaftliche Zusammenhänge und das Individuum selbst werden in den Werken verhandelt. Kollektive Interaktionen sind darüberhinaus essentieller Teil ihres künstlerischen Schaffens.

Seit 2016 arbeitet sie mit der Künstlerin Anna-Lena Völker zusammen. Das Künstlerinnenduo bedient sich in ihren Installationen unterschiedlicher Materialien und Medien. Ihre künstlerische Praxis begreifen sie als fokussierte Beschäftigung mit Zeitgenossenschaft. Dabei greift ihre Deutung auf poststrukturalistisches Denken zurück, wie ihr künstlerisches Statement anklingen lässt: „Es ist das Wechselspiel aus Schwere und Schwerelosigkeit, das uns beschäftigt — dass aus jeder gebildeten Einheit sich ein Widerspruch zu entwickeln scheint, dass das Muster unseres Handelns dem Muster einer Fliege gleicht, die an eine Wespe erinnert. In einer vermeintlichen Scheinauthentizität, die ‚not the same’ ist, ‚but quite’ kreieren wir Warteräume und warten selbst.” Außerdem ist Ariane Litmeyer Teil des Künstler:innenkollektivs ELAF. Seit 2019 beschäftigt sie sich gemeinsam mit Jan Charzinski mit der Zeit- und Stadtgeschichte Jevers anhand der Biografie von Fritz Levy.


„Paule Potulski wird The Art of Emergency mit dem Tod beginnen.

  • wenn etwas sich verändert
  • muss Platz für Veränderung sein
  • darum wird sie
  • das Ausatmen ausdehnen
  • die Luft rauslassen
  • sich leer machen
  • bis zum Ende
  • und Platz schaffen
  • für etwas
  • anderes”

  • Und lädt im Arbeitszimmer ein: zu verschiedenen Spielen, die ihre Fragestellung weiterführen.

Das Dorf erwacht, und jemand ist tot. Ja. Ein Notfall. Der Bürger:innenrat wird einberufen – wer war es? Wer muss dafür Buße tun und auf dem Scheiterhaufen brennen? Schaffen es die Werwöfinnen das Dorf Lilawald in eine Geisterstadt zu verwandeln, oder wird das geschickte und durchdachte Agieren der Bürger:innen dazu führen diese Naturgewalt wieder in den Bann zu bringen? Und wie wird es wohl den Verliebten ergehen…?

Paule Potulski lädt den Künstler Vafa Aminikia „zu einem Spiel um Leben und Tod“ ein.

‚Seed Planter‘ ist eine interaktive Arbeit, die man in Ermangelung eines passenderen Wortes als Maschine oder Spiel bezeichnen könnte. Details über den Mechanismus des Spiels/der Maschine können nicht genannt werden, da jede:r Teilnehmer:in mit einem Minimum an Vorstellungen und Vermutungen über das, was passieren wird, in den Kreis eintreten soll, damit das Spiel/die Maschine stark wirken kann.

Als Geschichtenerzähler, mit Hilfe visueller und akustischer Medien und einer sich ständig verändernden Herangehensweise, hat Vafa Aminikia seine Praxis auf die Suche nach allgemeinen Gemeinsamkeiten ausgerichtet; irgendwo zwischen der Mystik des Existenziellen, sozialen Strukturen und deren Verstrickung.

Paule Potulski lädt zum Ende ihrer Residency in das Arbeitszimmer thealit St. Jürgen Straße 157/159, Bremen, ein.

„Ich werde einfach da sein und freue mich über Abschiedsbesuch. In dieser Zeit ist nun ein kleines Heftchen mit Texten entstanden (bzw. ist im Entstehen), das ich im Arbeitszimmer lassen werde, für die dort nachfolgende Künstlerin. Außerdem wird eines der Werwolfspiele von Lui Kohlmann und Katharina Dacrés unter den Besucher:innen versteigert. Der Erlös geht in Anteilen an die Künstler:innen (10 Euro) und alles drüber hinaus wird dem Verein Sterbehilfe gespendet."

Das kleine Heft in schwarz-weiß, vielleicht mit mehr Schwarz als Weiß, wird eigene kurze Texte und literarische Zitate enthalten – zum Tod. Denn Paule Potulskis Arbeitszeit während der Residency hat vom Ende her, wie sie formulierte „mit dem Tod angefangen” und ist mit diesem rückscheitenden Anfangen nicht zu Ende.


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Arbeitszimmer:
The Art of Emergency (Oktober 2022 - März 2023)
Zu Gast: Heimat und Welt – Otthon és Világ, 18.11.2022
COAPPARATION (Teil 3) Atelierstipendien: 2021 - 2022
COAPPARATION (Teil 2) Atelierstipendien: Sept. 2020 - April 2021
Programm im Rahmen von Fluidity (Februar bis Mai 2020)
COAPPARATION (Teil 1): Okt. 2019 - März 2020
Debate! Performing Antagonisms. Part 2 (Oktober 2018 - März 2019)
DEBATTERIE! Teil 1, Oktober 2016-April 2017
Lesung Queer Story 27.01.2016
The Wildes - A Victorian Salon, 7.10.2015
Buchpräsentation ***quite queer*** 16.12.2014
Vortrag: Vom 'Freudenmädchen' zur 'Sexarbeit' - 02. Juni 2014
Lesung Queer Strory 28.11.2013
>Schutzraum< Lesegruppe - Juni-September 2013
Archival Activism: Zanele Muholi & Dagmar Schultz in dialogue, 22.01.2013
Lesung: Träume Digitaler Schläfer, Do. 10.05.2012
quite queer Lesegruppe, Juni 2011-September 2012
Szenische Lesung, 03.03.2011
Forschungsprojekte: Was ist Verrat?, 10.2010-01.2011
Lesegruppe "Was ist Verrat?" April 2010-Januar 2011
Buchpräsentation: Nervenkostüme, 20.02.2010
MARS PATENT - space for free, 04.12.2009-12.02.2010
Streikladen, 15.06.-20.07.2009