COAPPARATION (Teil 3) Atelierstipendien: 2021 - 2022

In der Reihe der Atelierstipendien im COAPPARATION-Programm ist das letzte vorgesehene Atelierstipendium an Hysterical Pixel vergeben – ein Alias, das im Singular wie im Plural taugt – für Lisa Rein. Ihr Projekt mit dem Arbeitstitel Hot Network Questions wird sich im Rahmen ihrer Forschung zu digitalen Infrastrukturen mit der Symbiose von Computerforen als Sammelbecken von Brogrammer-Szene und dem Paradigma der Programmierbarkeit beschäftigen. „Bro” wie Brother. Mit dieser Wandlung des P in B, des Programmierens in eine Brüderschaft, wird ein kulturelles Terrain beansprucht, das nur Mitgliedern (sic!) eine Heimat ist. Zum Beispiel: stackoverflow.com ist eins der am meisten genutzten Internetforen für Fragen rund um Programmiersprachen und Computertechnologie. Lisa Rein interessieren die dort angebotenen Hot Network Questions, die am rechten Bildschirmrand die „besten” Fragen aus allen Foreneinträgen präsentieren.

Stackoverflow funktioniert hier wie ein responsiver Automat, der Antworten einer Unterhaltung nicht chronologisch, sondern nach ihrem vermeintlichen Wert ordnet. Getreu der Logik des Computational Universe (N. Katherine Hayles) lassen sich nicht nur Zahlen entlang einer Skala von 0 bis 100, von gut bis schlecht, sortieren, sondern alle möglichen anderen komplexen Elemente, wie zum Beispiel die Beiträge in einer Konversation. Der Wille menschliche Kommunikation so zu automatisieren führt zu regelmäßiger Überforderung, zu Stackoverflow, wie es der Name des Forums fein vorwegnimmt. Lisa Rein sagt es so:

„[M]itunter [habe ich] selbst Fragen in den Schlund der Antwort-Generationsmaschine [von stackoverflow] geworfen, meist ein vielstimmiges Gebrüll zurückerhalten und in Screenshots festgehalten, was ich festhalten konnte, bevor meine Beiträge gelöscht wurden von Usern mit mehr reputation

. […] Während des Atelier-Stipendiums werde ich [diese Sammlung] sichten, erweitern und mich bemühen, eine Form für sie zu finden. Wenn ich darüber nachdenke, wird plötzlich aus den dokumentierten Chat-Gesprächsfetzen ein Dialog im Raum, ein Theater, eine Kommunikationsmaschine oder eine cyberfeministische Kooperation.”

Der Ausstellungshintergrund, wie er in der Museumsgeschichte allgegenwärtig ist, soll nämlich stets (ideologisch) neutral sein und ‚die sinnliche Wahrnehmung erleichtern'. Dies bedeutet jedoch, keineswegs neutral, dass die Geschichte eines Objekts bewusst umgeschrieben wird, indem etwa seine Wurzeln, das kontextuelle Netz der Bezüge und Bedeutungen, abgeschnitten werden. „Dismantling the neutral background” impliziert, dass die Neutralität des Ausstellungsraums, wie ihn die Tradition fordert, in Frage gestellt wird.

„Hintergründe sind eine Quelle der Fiktion, was durch Befragung verschiedener Akteure aufgezeigt wird, die, indem sie die Existenz und Dauerhaftigkeit dieser Fiktion bezeugen, zugleich deren Abbau denkbar werden lassen,” meint Maria Karpushina dazu. Oder: Geschichte, insbesondere Kolonialgeschichte wird museal erzählt und wer das erkennt, kann versuchen die Geschichte(n) zu verändern.

Am 26. Dezember startet Yuliya Tsviatkova ihr Atelierstipendium im Arbeitszimmer thealit. Ausgangspunkt bildet die These: „Mein Körper gehört nicht mir. Diese biologische Substanz wird von mir mit anderen Organismen geteilt. Ich existiere nicht ohne sie, und sie existieren nicht ohne mich. Mein Körper gehört mir nicht.” Aber gewiß: Er existiert nur in verschiedenen Formen äußerer Wahrnehmung. Verschieden, wenn auch ähnlich – denn: „Wem bist du ähnlicher? Papa-ähnlich, nein – mehr Mama-ähnlich. Nein, eindeutig: Großmutter-ähnlich.” Für wen wäre es schon leicht zu sagen, wie eine oder einer eigentlich genau aussehe… „Meine Großmutter fährt mit den Fingern durch mein Haar und sagt: ‚Abschneiden hättest du es nicht sollen.'”

Es beschäftigt Yuliya Tsviatkova, wie es gehen könnte, ihren Körper zu „teilen” (und als immer schon geteilten zu verstehen) – von der Perspektive der Familie aus bis zur mikrobiologischen Zusammensetzung.

Ein Teil dieses Projekts besteht darin, ihren Körper in Lebensgröße aus Stoff nachzubilden – als eine Art Anti-Stress-Spielzeug.

zeigt Yuliya Tsviatkova im Schaufenster des Arbeitszimmers ihre Arbeiten zur These: „Mein Körper gehört nicht mir./ Mein Körper gehört mir nicht.”

Zu sehen am Do. 20. Januar, bis 20:00. St.-Jürgen-Str. 157/159 in Bremen. Präsentiert werden Installationen textil gefertigter Körperteile, die – maßgenommen am eigenen Körper – als Anti-Stress-Spielzeuge konzipiert sind, Motiv-Stickereien von physischen Traumata auf langer Gazeband, eine skulpturale Arbeit anatomischer Formen aus gegossenem Latex. Und mehr... Vorbeikommen und (durchs Fenster) Schauen lohnt sich – wer wüßte sonst noch, in porösen Zeiten des Umbruchs, wo innen und außen, mein und dein, Körper und Raum sind?

Die COAPPARATION-Stipendien gehen in die nächste Runde mit Anngret Schultze im Arbeitszimmer thealit. Ihr geht es im Dezember um „Body_Text_Sensuousness. Eine digitale Contact-Zone.”, um performatives Forschen zum Verhältnis Text, Körper, Sinnlichkeit.

Wird in kritisch-dekonstruktivistischen Ansätzen die Bedeutung der Sprache, des Texts, des Diskurs und der Struktur betont, finden sich in den performativen Künsten Arbeiten mit dem präsenten Körper, der gleichzeitig auf mehr und ausschließlich auf sich selbst verweist.” schreibt Angret Schultze mit pointierter Widersprüchlichkeit. Im ihrem thealit-Projekt sollen Text und Körper miteinander in Kontakt treten und in poetischer Form ausgestellt werden.

Zum Ende Ihres Arbeitsaufenthalts, zeigt Anngret Schultze erste Ergebnisse. Ihr Projekt Body_Text_Sensuousness. Eine digitale Contact-Zone wird doppelt und parallel bespielt:

1. Im Schaufenster des Arbeitszimmer thealit (St.-Jürgen-Str. 157, Bremen) als vielschichtige, räumlich gestaffelte Videoprojektion. 

Zu sehen ab Montag 20. Dezember, ebenfalls Dienstag 21. und Mittwoch 22., jeweils von 16:30 – 21:00 Uhr.

Schaut vorbei! Anngret Schultze arbeitet cool innen weiter – ist auch neugierig auf Kommentare und Fragen. (Mal ans Fenster klopfen?)

2. gibt es etwas aus ihrer Arbeit bei Instagram thealit_fkl zu entdecken. Anngret Schultze stellt zu ihrem Projekt weitere Videos und Texte ein, soviel ist schon verraten.

Die Improvisationen der beteiligten Tänzer:innen Franca Burandt, Gabriel Obergfell und Ton Bogataj sind mit einem 'Score' entstanden: einem Text der Künstlerin, den die Tänzer:innen in Bewegung übersetzen und körperlichen Ausdruck verleihen.

Die COAPPARATION nimmt mit der Stipendiatin HANNAH WOLF und ihrem Projekt zu Lieferdienstleistungen und den Menschen, die Waren ausliefern, eine neue Wendung. Es wird um Körper gehen, die in den Zentren der Städte Lieferdienste verrichten.

Sie legt dazu die Komponenten des Kunstworts COAPPARATION insgesamt negativ aus, insofern man „im Neoliberalismus [landet]. Die Zusammenarbeit, Mitwirkung an einer Unternehmung zum Zwecke der Kapitalsteigerung. [D]ann denke ich an Warenströme und die, die sie bewegen. […] An den Fließbändern, den Häfen, Lastern, Transportern und dann eben auch den Fahrrädern. Diese Körper, die Mittler, bewegen sich durch den Stadtraum und tragen die Lasten, die an der Tür der anderen zu Freude werden. […] [N]atürlich soll man die Last, die in dieser Tätigkeit steckt, nicht sehen. Was geht, wird ins Außerhalb der Städte verlegt.

Was sichtbar bleiben muss, bekommt einen klingenden Namen (Gorillaz) oder eine optimistische Farbe (orange).”

Geplant ist eine Arbeit mit Fotografie, Video und Text.

Es werden täglich Zwischenergebnisse des entstehenden und sich sukzessive verlängernden Videos nach Einbruch der Dunkelheit durch die Schaufenster zu sehen sein. (St.-Jürgen-Str. 157/159 Bremen)

Aktueller Titel: „Body of Work"… Fortsetzung folgt!

ALEXANDRA TATAR hat sich für ihr Projekt über die Arbeit ihres Großvaters vor etwa 50 Jahren in Deutschland auf Spurensuche begeben und bringt neue Erfahrungen, künstlerische Analysen und Ergebnisse mit. Indem sie, geleitet von den familiären Interviews, ihre Wege mit denen des Großvaters nachträglich überlagern lässt, bilden sich nach und nach Konturen von Überscheidungen aus. Die Verschiebungen und Lücken erzählter Erinnerungen treffen auf die kritisch rekonstruierenden Neu(er)findungen der Enkelin. Ein Videoessay entsteht gerade dazu.

  • OPEN STUDIO & VIDEO SCREENING
  • 27.-29.10.2021

  • Mi. 27.10.2021 (13:00-18:00)
  • Do. 28.10.2021 (13:00-17:00)
  • Fr. 29.10.2021 (13:00-20:00)

  • Arbeitszimmer thealit
  • St.-Jürgen-Str. 157/159, Bremen
  • VIDEOSCREENING
  • Am 29.10. ab 18h

  • Zugang mit 3G Nachweis.
  • Im Raum wird gebeten einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen
  • Do. 28.10.2021 // 19 Uhr
  • LIVE ONLINE STREAM
  • Alexandra Tatar - Artist Talk:
  • Recollections of a cold war working body
  • or: "What is 'RASTPLATZ’?“, he asks in Romanian.

  • im Virtual Arbeitszimmer
  • und auf dem thealit twitch Kanal

Dieses Interview ist der erste Teil des Projekts, Sorrow, at the Traffic Year von YeLa An.

Vier koreanische Künstlerinnen erzählen von ihren rassistischen Erfahrungen und ihren Gedanken über die doppelte Unterdrückung als Asiatinnen in Österreich und Deutschland vor und nach COVID-19. Sie erzählen, warum sie asiatische weibliche Identitäten und asiatische Körper in ihren künstlerischen Arbeiten thematisieren.

Dieses Projekt wird unterstützt durch das Frauen.Kultur.Labor, das BMKÖS und Bildrecht

  • YeLa An geboren in Seoul, Südkorea, lebt gegenwärtig in Wien. Sie studierte Post-conceptual Art an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Marina Grzinic.

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Arbeitszimmer:
COAPPARATION (Teil 3) Atelierstipendien: 2021 - 2022
COAPPARATION (Teil 2) Atelierstipendien: Sept. 2020 - April 2021
Programm im Rahmen von Fluidity (Februar bis Mai 2020)
COAPPARATION (Teil 1): Okt. 2019 - März 2020
Debate! Performing Antagonisms. Part 2 (Oktober 2018 - März 2019)
DEBATTERIE! Teil 1, Oktober 2016-April 2017
Lesung Queer Story 27.01.2016
The Wildes - A Victorian Salon, 7.10.2015
Buchpräsentation ***quite queer*** 16.12.2014
Vortrag: Vom 'Freudenmädchen' zur 'Sexarbeit' - 02. Juni 2014
Lesung Queer Strory 28.11.2013
>Schutzraum< Lesegruppe - Juni-September 2013
Archival Activism: Zanele Muholi & Dagmar Schultz in dialogue, 22.01.2013
Lesung: Träume Digitaler Schläfer, Do. 10.05.2012
quite queer Lesegruppe, Juni 2011-September 2012
Szenische Lesung, 03.03.2011
Forschungsprojekte: Was ist Verrat?, 10.2010-01.2011
Lesegruppe "Was ist Verrat?" April 2010-Januar 2011
Buchpräsentation: Nervenkostüme, 20.02.2010
MARS PATENT - space for free, 04.12.2009-12.02.2010
Streikladen, 15.06.-20.07.2009