Streikladen, 15.06.-20.07.2009

Im Rahmen des Labs Streik Academy

Helene von Oldenburg
Ich streike nicht
(T-Shirt Tauschaktion)

Streiken heißt, sich gegen etwas zu entscheiden und diese Entscheidung gegen Widerstände umzusetzen. Oftmals bedeutet dies, sich gegen den Strom zu stellen, sich aus einer Mehrheit auszugrenzen oder sich gegen eine Autorität zu behaupten.
Streiken ist eine wichtige soziale und politische Funktion. Um streiken zu können, muss man sich innerhalb eines Systems befinden. Streiken birgt oftmals das Risiko, mit Sanktionen belegt oder aus dem System ausgeschlossen zu werden. Auch kann das System selbst verändert oder zerstört werden. Ein Streik kann demnach ein effektives Werkzeug zur Klärung oder Veränderung festgefahrener Strukturen sein.

Im Kontext einer Akademie, in der das Streiken in all seinen Facetten thematisiert, erforscht und praktiziert wird, ist das Nicht-Streiken die konsequenteste Form des Streikens.

Die T-Shirt-Edition Ich streike nicht! wird im Tausch abgegeben gegen Informationen über das Nicht-Streiken: ein Ereignis oder Plan oder Wunsch, bei dem das Nicht-Streiken eine aktive Form von Widerstand ist, war oder sein könnte.



Claudia Reiche
Was hältst du nicht mehr aus
Installation

Wenn Streik ein "Anhalten von Unaushaltbarem" ist, wie die Einladung zur Akademie vermittelt, trägt Streik der Tatsache Rechnung, dass etwas nicht auszuhalten ist. Allerdings: Wenn etwas unaushaltbar gewesen ist, ist es zum Zeitpunkt dieser Feststellung immer schon vorbei.

Vielleicht bezeichnet der Moment des Anhaltens das unmögliche Erreichen eines tödlich Unaushaltbaren im Sinne des Zenon'schen Paradoxons? Dieses kann wie die Schildkröte von Achilles nur überholt, aber nie eingeholt werden. Zu jeder Messung des wiederum halbierten Abstandes des schnellen Achilles zur langsam kriechenden Schildkröte oder des schnell wachsenden Unaushaltbaren zum langsamen Fortschritt rückt der Streik in unendliche Nähe. Überholt wird im Streikbeginn jedoch das Unaushaltbare. Die historische Erfahrung zeigt: Es gibt viele, aber nicht unendlich viele halbe Strecken zur Bestimmung des Unaushaltbaren. Erst der Streik wird dies Unaushaltbare rückwirkend benennen und beenden können.

Diesen unmöglichen Punkt des Unaushaltbaren zu erreichen oder zu überschreiten, soll in einer praktischen Übung probiert werden, die in Form eines Videodokuments während der Streik-Akademie präsentiert wird. Die Frage, die das Video verschiedenen Streikinteressierten stellt, lautet: "Was hältst du nicht mehr aus?" Die Präsentation des Videos wird diesen Ansatz reflektieren und zur Diskussion stellen.

Ausschnitt Josch Hoenes

Archiv von 12 DVDs, ungeschnittenes Material.
Antworten von 12 Personen zur Frage: "Was hältst du nicht mehr aus?", 2009



bildwechsel/*durbahn
Streikvideos aus dem Archiv

Frauen im Druck
von Gitta Kuhlmann, Frau F.; Mitarbeit: Agnes Handwerk, Christian Ottemeyer, HfbK Hamburg, 1976, 40 min.

Im Frühjahr 1976 streikten 80.000 ArbeiterInnen in der Druckindustrie. Der Streik für 9% mehr Lohn führte Frauen in den Niedriglohngruppen zur Forderung nach einer Mindestlohnerhöhung. Die Dokumentation schildert die Situation der Frauen an den Maschinen und in den Gewerkschaften - mit Interviews im hamburgischen Setting, vor Springer und Bauer, mit Aussperrungen, Streikbrechern, der Frage: Sollen Frauen Streikposten stellen? und feinen Einlassungen eines leitenden Angestellten zum natürlichen Lohnunterschied.

Anstiftung zum Gebärstreik
von Griet Gäthke, Carola Martin, Angela Tiedt, 1980, s/w, 20 min.

Das ist Berichterstattung von der Straße und aus dem Plenum: Die Dokumentation zeigt die Demonstration und Kundgebung des Frauentreffens in Gorleben, Ostern 1980, und verfolgt insbesondere die Plenumsdiskussion um die Frage, ob der Gebärstreik ein probates Mittel ist, um politischen Druck aufzubauen - wie politisch ist dieses Private? Bilder und Gespräche lassen Argumentationsstränge verfolgen, ihre Konflikte und eine Gesprächskultur auf der Suche nach sinnvoller Verweigerung.

Brot und Rosen
von Christa Donner, 1983, 15 min. (gesendet im WDR, Reihe "Rückblende")

1907 streikten amerikanische Arbeiterinnen gegen Hungerlöhne mit der Parole: Wir wollen Brot und Rosen. 1910 erinnerten Sozialistinnen in Kopenhagen an diese Streiks und beschlossen, jedes Jahr einen Gedenktag zu begehen, an dem Frauen in der ganzen Welt für ihre Rechte kämpfen sollten - das wurde zehn Jahre später der 8. März... In Deutschland wurde der erste Frauentag 1911 mit der Forderung nach dem Wahlrecht für Frauen begangen, in Dänemark, der Schweiz, den USA und Österreich beteiligten sich über eine Million Menschen. Christa Donner beschreibt die Bewegungen zwischen proletarischer und bürgerlicher Frauenbewegung, die Geschichte des Frauentags im Nationalsozialismus, die Bedeutung in der DDR, für die Gewerkschaften, in der Friedensbewegung, die Walpurgisnacht der autonomen Frauen...



Ingrid Molnar
Es war mehr als eine gute Übung
Dokumentation

Vor mehr als 25 Jahren glaubte ich daran, dass man mit Filmemachen gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen kann. Ich habe zwei Videos in die Hände von streikbereiten Arbeitnehmern und deren Familien gelegt, für mehr als ein Jahrzehnt wirksame Mutmacher und Tippgeber:

"...keiner schiebt uns weg!" Der Hungerstreik der HDW & MAN Frauen (60 min., 1983) und "...'s war ne gute Übung!" Die Dokumentation Werftbesetzung der HDW-Hamburg (90 min., 1983)

Ehefrauen und Freundinnen von Werftarbeitern der Hamburger Traditionswerft HDW und deren benachbarten Zulieferfirma MAN entwickeln eine Strategie zur Mobilisation der Medien und "überreden" bei der Vollversammlung der Belegschaft diese zur Werftbesetzung, ein Streikmittel, das seit 1976 illegal ist. Ausschnitte aus den Videos vermitteln das Lebensgefühl der Aktivistinnen im Spätsommer 1983, die in dieser Zeit mehr als eine illegale Handlung begangen. Diese Erlebnisse stärkten in der Folge jede einzelne von ihnen im Privaten wie auch Berufsleben.

Gesellschaftliche und technische Entwicklungen der letzten 25 Jahre zeigen, dass die Forderungen der Streikenden keinesfalls utopisch waren und ein paar gewinnsüchtige Manager ohne Verantwortungsbewusstsein moderne Betriebe zu Unrecht schlossen, weil die Abwicklungsprämien für sie höhere Summen einbrachten als langjährige Gewinnbeteiligung für mehr als 4000 gut ausgebildete Fachkräfte.


Arbeitszimmer: