The
Art
of
Emergency

Eva Jägle & Eva-Maria Aigner


Eva Jägle

Eva Jägle ist Künstlerin, Theater- und Filmemacherin in Wien. Sie studiert an der Akademie der Bildenden Künste und ist Dissertantin am Institut für Philosophie Wien. In ihrer Dissertation beschäftigt sie sich mit dem Thema „Deleuze und Film.“
evijagle.portfoliobox.net

Eva-Maria Aigner

Eva-Maria Aigner ist derzeit Research Fellow der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Dissertantin am Institut für Philosophie Wien. Sie arbeitet zum Begriff des Überlebens in der Dekonstruktion und insbesondere im Werk Jacques Derridas.


Das Katastrophale Glossar

Apokalypse. Ausnahmezustand. Desaster. Ende. Katastrophe. Die vielzitierte „Krise“ (sozial, persönlich, ökonomisch, ökologisch etc.). Notfall (emergency). Revolution.

Im Alltag verwenden wir diese Wörter oft austauschbar oder um feine Unterschiede anzuzeigen: welcher dieser Begriffe verspricht eine Zukunft, welcher verschließt sich einer solchen Öffnung? Welcher löscht die Spuren hinter sich und droht mit einem rest- und erinnerungslosen Verschwinden – welcher steht im Zeichen von Gedenken und damit, möglicherweise, von Vergebung, von Restitution? Sprechen wir von einem singulären allesverändernden Augenblick, einem historisch einmaligen Ereignis oder von „Jahrhundertkrisen“, die sich aneinanderreihen (2007-2023) und, ohne klaren Beginn und ohne absehbares Ende, zu einem jahrzehntelangen Ausnahmezustand werden?

Dass sich eine Sprache, die vom Unvorstellbaren, vom Schrecklichen, vom „Ende der Welt“ erzählen will, immer in diesen und unzähligen weiteren Spannungsfeldern bewegt, zeigt sich bereits im thealit Call The Art of Emergency. Die Frage nach der „Schrift“ oder der Sprache des Desasters wird in der Philosophie dabei spätestens nach dem zweiten Weltkrieg mit Autor*innen wie Adorno oder Blanchot virulent: Wie schreiben, wie sprechen, was für eine Kunst, nachdem das Schreckliche geschehen ist? Gebietet die Katastrophe ein Schweigen – oder ist sie im Gegenteil sogar auf die Erzählung und das Zeugnis angewiesen, wie etwa Semprun in „Schreiben oder Leben“ (1994) behauptet?

Während unseres Aufenthaltes erstellen wir ein Katastrophales Glossar, das einige zentrale Begriffe des Diskurses der Katastrophe in Form von Text und Videobild behandelt und (philosophie-)historisch aufarbeitet. Das dabei entstandene Vokabularium soll einerseits eine präzise Verwendung dieser Begriffe ermöglichen und ihre Differenzen verständlich machen. Allerdings reflektiert das Katastrophale Glossar auch, dass sich die apokalyptische Rede letztlich nicht einhegen lässt und die lexikalischen Einträge immer wieder „überflüssig“ werden, also die ihnen auferlegten Bedeutungsgrenzen überschreiten. Bei der Ausarbeitung der einzelnen Glossareinträge liegt unser Fokus auf der Frage, wie sich die unterschiedlichen Wörter der Katastrophe auf eine Zukunft hin öffnen und ein Sprechen über das Geschehene jeweils verlangen, eröffnen oder auch verunmöglichen. Andererseits werden unterschiedliche Strategien untersucht, wie sich das Desaster erzählen und damit auf eine Zukunft hin öffnen lässt: Wie das Desaster sprechend machen – und in welcher Sprache? Spuren, die hinterlassen werden, sind das entstandene Nachschlagewerk und Textschnipsel aus der verwendeten Literatur – das wieder dekonstruierte Glossar.