Festrede zum 20. Geburtstag von thealit, 08.10.2011

von Prof. Dr. Barbara Paul, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Institut für Kunst und visuelle Kultur

Sehr geehrtes, liebes Jubiläums-Publikum,
liebe Claudia Reiche, liebe Andrea Sick, liebe Helene von Oldenburg,
liebes thealit-Team!

Es ist mir eine große Freude, heute Abend zu Ihnen zu sprechen und mit Ihnen das 20jährige Jubiläum von thealit - Frauen. Kultur. Labor in Bremen zu feiern. Gerne möchte ich meine Ausführungen mit 10 Thesen zu thealit, die auf eine ganz besondere Art und Weise zustande gekommen sind, beginnen und damit wichtige Aufgabenfelder, Praktiken und Ziele von thealit kurz benennen:

1. „Mit thealit Frauen macht das Leben Spaß.“

2. „thealit Kultur bringt Bewegung in die Sache.“

3. „thealit Labor ist überall.“

4. „thealit Feminismus ist kein Luxus, aber immer ein Vergnügen.“

5. „thealit Theorie widerspricht Dir nicht.“

6. „thealit Praxis macht Appetit auf mehr.”

7. „thealit Kunst – genau mein Stil.“

8. „thealit Wissenschaft fängt an, wo andere aufhören.“

9. „thealit Projekte verleihen Deinen Träumen Flügel.“

10. „thealit queer ... den Rest kannst Du Dir sparen.“

Wie Sie inzwischen sicherlich schon vermuten, sind die 10 Thesen nicht von mir selbst aufgestellt worden. Auch stammen sie nicht von anderen eindeutig zu identifizierenden Personen. Vielmehr habe ich mich – den thealit’schen Arbeitspraktiken folgend – in eine Laborsituation begeben und ein Mini-Experiment unternommen. Es handelt sich um Aussagen, die ein Textgenerator mit dem Titel „sloganizer“ anhand meiner Stichwortvorgaben, wie Frauen, Kultur, Labor, Theorie, Praxis, Feminismus, queer usw., produziert hat(1). Die Thesen in Slogan-Form stammen also gewissermaßen nicht von mir; beim Inhalt habe ich jedoch stets auf deren Richtigkeit geachtet, so dass ich selbstverständlich hinter den vorgetragenen Thesen stehe. Dazu musste ich ein wenig experimentieren, d.h. mehrere Versuche der Slogan-Generierung unternehmen, bis sich ein aus meiner Sicht jubiläumsgeeignetes Set von Slogans einstellte. Beim Herumprobieren mit Stichwortkombinationen, im Verwerfen angebotener Slogans und durch die letztlich getroffene Auswahl habe ich alles mir Mögliche – ganz im Sinne eines Mini-Projekts – aus dem sloganizer-Generator herausgeholt.

Die Projektarbeit von thealit seit nunmehr 20 Jahren lässt sich als ausgesprochen facettenreich, inspirierend und stets politisch ausgerichtet charakterisieren. Heute Abend soll sie wenigstens punktuell – mehr ist leider nicht möglich – gewürdigt werden. Gegründet wurde thealit 1991 – wie den meisten Anwesenden bekannt – von Andrea Sick und Anna Postmeyer, bald kamen Claudia Reiche und Ulrike Bergermann hinzu, vor etwa zehn Jahren Helene von Oldenburg. Ulrike Bergermann ist vor zwei Jahren ausgeschieden, Anna Postmeyer realisiert heute den gleichnamigen Buffet-Service. Andrea Sick, Claudia Reiche und Helene von Oldenburg arbeiteten und arbeiten stets mit zahlreichen Mitwirkenden zusammen – dies ist programmatisch für thealit. Nahezu jedes Jahr wurde ein großes Projekt in Form von Ausstellungen, Symposien, Interventionen und Publikationen realisiert. Gemeinsam ist den vielfältigen Projekten die Zusammenarbeit von Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen, die Verknüpfung von ästhetischer und theoretischer Reflexion und die kontinuierliche politische Befragung feministischer Ermöglichungen und Perspektiven.
Den Anfang machte ein großangelegtes Laboratorium zu „Konzept Art von Frauen“, das in die erste umfangreiche Buchpublikation „ÜberSchriften. Aus Bildern und Büchern“ 1994 mündete und durch seinen spezifisch verzahnten Umgang mit Bildern, Schriften, Texten und Bedeutungsmöglichkeiten als „künstliche Wissenschaft“ – im Sinne einer künstlerisch motivierten Wissenschaft – konzeptioniert war(2). Besonders hervorheben möchte ich des Weiteren viele Jahre später, 2008, das Projekt „Prototypisieren. Eine Messe für Theorie und Kunst“, in der verhandelt wurde, ob und inwiefern auch Kunstwerke und Theorien neben Produkten Prototypen sein können und welche Strategien mit prototypisierenden Verfahren verfolgt werden(3). Ein anderes Projekt trug 2009 den Titel „Streik Academy“. Hier ging es darum, das „Anhalten von Unaushaltbarem“ neu zu verhandeln und Kollektivitäten zu adressieren, ferner das Unternehmen Streik als Arbeit zu markieren, aber beispielsweise auch nach den Möglichkeiten zu fragen, alleine zu streiken(4).

Dreh- und Angelpunkt der Arbeit von thealit sind Frauen bzw. das Labor der und/oder von Frauen. Dieser Ansatzpunkt ist historisch gesehen für die Gründungsphase in den 1990er Jahren sehr wichtig gewesen und ist es auch noch heute. Dadurch konnte – und hier ist die genaue Begründung wichtig – im Laufe der 20jährigen Geschichte eine politisch-feministische Haltung konsequent weiter verfolgt werden. Gegenüber dem Konzept Gender bzw. Konzeptionen von Gender haben sich die thealit-Projekte hingegen stets vorsichtig, verhalten, mitunter auch ausweichend und/oder ablehnend positioniert – und dies in einer Zeit, in der Gender boomte. Gemeint sind sowohl die Etablierung von Gender Studies als akademische Disziplin als auch das Gender Mainstreaming als beabsichtigtes politisches Instrumentarium. Diese grundsätzliche Haltung von thealit stellt sich heute einmal mehr als besonderer Gewinn dar, wenn es darum geht, über das Verhältnis von Feminismus und queer nachzudenken und zu diskutieren. Genau diesem Thema stellt sich thealit im Jubiläumsprojekt mit dem Titel „quite queer“. thealit braucht hierbei, wie ich pointiert sagen möchte, nicht den Umweg über Gender-Debatten zu nehmen.

Der Begriff queer bezeichnet – um kurz schlaglichtartig ausgewählte aktuelle Argumentationen zu skizzieren – zum einen vielfältige Identitäten, die sich jenseits dominanter heteronormativer Diskurse artikulieren und die herkömmlichen zwangszweigeschlechtlichen Denkmustern und Handlungsorientierungen aus letztlich machtpolitischen Gründen widersprechen. Zum anderen geht es queeren Vorstellungen und Lebensweisen um eine grundsätzliche Kritik an Identitätskonstruktionen. Die Aufmerksamkeit der Queer Studies gilt deshalb der kulturellen und politischen Kategorie der Sexualität, die lange Zeit gegenüber dem biologischen (sex) und soziokulturellen Geschlecht (gender), auch von den Gender Studies, vernachlässigt wurde. Darüber hinaus werden alle Ordnungssysteme mit normalisierenden und diskriminierenden Wirkungen kritisch diskutiert und bekämpft.
Hervorheben möchte ich, dass der Begriff queer, der zunächst als homo- und auch transphobes Schimpfwort verwendet wurde, seit den 1980er Jahren als politische (Selbst-)Bezeichnung eine positive Rückaneignung erfuhr. Entscheidend dabei ist die Umdrehung der Blickrichtung: Heterosexualität und Heteronormativität geraten in den Fokus und werden als das ‚Andere’ markiert. Somit lässt sich die Frage, was eigentlich ‚normal’ ist, neu stellen und in ihrer hegemonialen, normalismustheoretischen Relevanz grundsätzlich problematisieren. In diesem Zusammenhang interessieren – einen Schwerpunkt von thealit aufgreifend – Kunst- und Medien-, auch Literaturproduktionen, deren Argumentationen sich als queer charakterisieren lassen, stellen sie doch oft widerständige, zumindest provokative Aussagen zur Diskussion. Durch eine intensive Rezeption mit einer Vielzahl an Lektüren werden nicht-heteronormative Konzepte, Erzählungen und Fantasien kontinuierlich weiter verhandelt und verbreitet.
In einem „Queer Manifesto“ mit dem Titel „Undoing Borders“, das ein Aktivist_innenkollektiv in San Francisco kürzlich verfasst hat, werden neue Wege der Antidiskriminierung insbesondere in Arbeitskontexten gefordert, indem Rassismen und Xenophobien, Homo- und Transphobien weitaus stärker als bislang entgegen zu treten ist (hier insbesondere im Grenzgebiet von den USA und Mexico). Strategien des Empowerment werden unter der Perspektivierung von „Fabulosity“ gebündelt, um ein „Undoing Borders“ zu erwirken. „Fabulosity“ / Fabelhaftigkeit soll Vieles bedeuten und kann Vielfältiges umfassen, auf jeden Fall meint es auch „[..] that we will ask for what we want, not just what we think we can get“(5).

In eben diesen, hier kurz angerissenen Kontexten ist auch das aktuelle Projekt von thealit verortet, das derzeit erarbeitet wird und mir besonders am Herzen liegt. Es trägt – wie schon erwähnt - den schillernden Titel „quite queer“, was soviel meint bzw. meinen könnte wie „[z]iemlich queer, oder: über die Maßen queer ... im Understatement“(6). Diesem Projekt ist bereits eine neue Publikationsreihe im hauseigenen thealit-Verlag vorausgegangen: die 2006 begonnene Reihe „queer lab“. In dieser queer lab-Buchreihe werden „experimentelle literarische und bildnerische Arbeiten“ versammelt, die sich den „Darstellungen von Geschlechter_un_ordnungen“ widmen, die „auch formal 'durchquerend’“ operieren(7). Im zweiten Band der Reihe, einer 2010 veröffentlichten Erzählung von Claudia Reiche und Helene von Oldenburg mit dem Titel „Gründe gab es genug“, finden sich folgende Charakterisierungen dessen, was queer ist bzw. sein könnte:
„Ist queer“ – und ich zitiere Claudia Reiche – „ein Gefühl, ein Bekenntnis, eine Tarnung? Jedenfalls ist queer eine Frage – nach Identität und der Unmöglichkeit von Identität, zum Beispiel in einer Erzählung mit Bildern, die zwei ungewisse Versionen von Wahrnehmungen in einer Suche miteinander verschränkt, die vielleicht einsam und glücklich genannt werden kann, wenn sie so gelesen wird. Das wäre ziemlich queer und wüsste von einer Heimat in der Unmöglichkeit“(8).
Helene von Oldenburg hingegen setzt beim Phänomen des Raums an, wenn sie schreibt: „Wenn queer ein Raum wäre, eine Suche oder eine Inszenierung? Immer wäre es eine Begegnung, vorübergehend und flüchtig, mit der Frage nach Identität, Orientierung und Spin. Eine Kompassnadel, die die Welt aus den Angeln hebt“(9).

Ich komme zum Schluss und möchte betonen, dass das Thema „quite queer“ eine sehr wichtige Perspektive darstellt, geht es doch um eine Art Weiterführung diversifizierter feministischer Konzepte – man spricht deshalb mitunter auch von queer-feministischen Positionen. Für ein 20jähriges Jubiläum ist „quite queer“ sehr geeignet, da es eine neuerliche, in die Zukunft gerichtete Standortbestimmung bedeutet. Es ist ein anspruchsvolles Projekt mit viel Potential, in Theorie und Kunst, Aktivismus und Politik, also ganz den Kernfeldern von thealit entsprechend. Mit diesem thematisch wie politisch hochspannenden Projekt macht sich thealit selbst und uns allen ein besonderes Geschenk zum 20Jährigen Jubiläum – ein besseres hätte ich mir nicht vorstellen können.
Ich gratuliere thealit sehr herzlich und bediene mich noch einmal des „sloganizers“, der anhand der Stichworte „thealit“ und „20 Jahre“ Folgendes generierte, was ich Ihnen als 11. und dann schließlich auch noch 12. These nicht vorenthalten möchte:

„thealit 20 Jahre ist offen für alle“ und – mein Lieblingsslogan für den heutigen Abend –

„thealit 20 Jahre – Yabba Dabba Duh“(10).

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Anmerkungen:

(1) http://www.sloganizer.net/textgenerator.php, eingesehen und generiert am 02.10.2011.
(2) Andrea Sick, Ulrike Bergermann, Friederike Janshen, Claudia Reiche, Editorische Notiz, in: ÜberSchriften. Aus Bildern und Büchern, hg. von dens., Bremen 1994, S. 11-13, S. 13.
(3) Prototypisieren. Eine Messe für Theorie und Kunst, hg. von Susanne Bauer, Ulrike Bergermann, Christine Hanke, Helene von Oldenburg, Claudia Reiche, Andrea Sick, Bremen 2009.
(4) http://www.thealit.de/lab/streik_academy/, eingesehen am 02.10.2011.
(5) Undoing Borders. A Queer Manifesto, publiziert im Eigenvertrieb im April 2011, 24 Seiten, S. 7. Das Kollektiv hat zahlreiche Namen: “We got by a lot of names – some people know us as the SF chapter of Pride at Work. Some people know us as HAVOQ – usually translated as the Horizontal Alliance of Very [or Vaguely or Voraciously) Organized Queers. Whatever you know us as, we are a collective of queer people organizing together in the San Francisco Bay Area.” (Ebd., S. 2.).
(6) http://www.thealit.de/lab_quite_queer, eingesehen am 02.10.2011.
(7) http://www.thealit.de/about_queer_lab, eingesehen am 02.10.2011. Darüber hinaus veröffentlicht thealit eine „Labor:theorie“-Reihe.
(8) Claudia Reiche und Helene von Oldenburg, Gründe gab es genug, Bremen 2010, S. 48.
(9) Ebd.
(10) Wie Anmerkung 1.